Was der Ukraine-Krieg für die globale Ernährung bedeutet
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foodwatch
Hallo Hans-Ulrich Grimm,

Raketeneinschläge, endlose Panzerkolonnen, unter Trümmern begrabene Straßenzüge, Hunderttausende auf der Flucht: Die Bilder vom Krieg machen uns alle fassungslos. Bilder, die wir in Europa nicht mehr für möglich gehalten hatten. Bilder, die einen großen Umbruch in der europäischen Friedensordnung markieren – ausgelöst durch den brutalen Überfall von Putins Truppen auf die Ukraine.

Wir sind mit unseren Gedanken bei den Menschen in Kiew und Charkiw, in Odessa und Mariupol – überall dort, wo russische Raketen und Gewehre ihr Leben bedrohen. Wir trauern mit ihnen um ihre Angehörigen. Und wir sind tief beeindruckt von dem Mut, mit dem so viele den Angriffen trotzen. Allerhöchsten Respekt zollen wir auch jenen, die auf russischen Straßen gegen den Einmarsch protestieren.

Dieser Krieg muss enden. Und zwar sofort. Die russische Regierung muss alle Angriffe einstellen, ihre Truppen zurückziehen.

Eine Gefahr für die globale Ernährung

Krieg bringt immenses Leid. Das war schon immer so. Für den russischen Angriff auf die Ukraine gilt das sogar mehrfach – denn er gefährdet auch die globale Versorgung mit Nahrungsmitteln.
  • Die fruchtbaren Böden Russlands und der Ukraine liefern zusammen ein Viertel der globalen Weizenexporte.[1] Jedes zweite Getreidekorn, das Nordafrika und den mittleren Osten ernährt, stammt aus einem der beiden Länder. Die Ukraine allein liefert die Hälfte des weltweit gehandelten Sonnenblumenöls. In der Summe exportieren Russland und die Ukraine 12 Prozent der global gehandelten Kalorien.[2]
  • Zerstörte Bahnlinien und verminte Häfen werden diese Exporte erstmal blockieren – genauso wie die harten Sanktionen, mit denen der Westen Putin zurecht zu bremsen versucht. Die Kämpfe bringen in den nächsten Wochen auch die Aussaat in Gefahr.
  • Das weltweite Agrarsystem hängt an synthetischem Dünger. Einen Großteil davon produziert Russland. Einzelne afrikanische Staaten wie der Tschad, Niger oder die Zentralafrikanische Republik beziehen von dort mehr als 90 Prozent ihres Kunstdüngers.[3]
Schon jetzt grassiert in Teilen der Welt der Hunger. Die Pandemie, teure Energie und Dürren haben die Preise für Nahrungsmittel in die Höhe getrieben. Sie werden nun weiter steigen; der Weizenpreis voraussichtlich um bis zu 30 Prozent.[4]

Nahrungsmittel werden so für noch mehr Menschen knapp und unerschwinglich. Die Folgen: mehr Mangelernährung, mehr Hunger.

Sie, ich, foodwatch – wir alle haben auf diese sich abzeichnende Krise kaum Einfluss. Wir können kurzfristig nur jene unterstützen, die die Not in der Ukraine und den Hunger weltweit zu lindern versuchen. Beim „Bündnis Entwicklung hilft“ finden Sie Infos, wie Sie mit Ihrer Spende helfen können. Jede Spende ist wichtig!


Was jetzt passieren muss

Die westlichen Regierungen dürfen jetzt nicht nur auf die Folgen von Krieg und Sanktionen für ihre eigenen Länder schauen. Sie müssen auch den globalen Hunger bekämpfen. Nahrungsmittelknappheit kann im schlimmsten Fall neue Konflikte anheizen. Wenn die Ampel-Koalition jetzt in Aufrüstung investiert, dann sollte sie auch Geld aufbringen können, um in die globale Ernährungssicherheit zu investieren.

Mittelfristig stellt sich dann die Frage: Wie können wir den Frieden in Europa wieder stabilisieren? Wie machen wir uns unabhängig vom russischen Ressourcenreichtum? Und wie muss sich das globale Nahrungssystem verändern, damit es krisenfester wird?

Zunächst ist wichtig festzustellen: Der Nahrungsmittelversorgung in Deutschland und in der EU droht keine Knappheit.

Wohl aber werden die Futtermittel für die Tierhaltung deutlich teurer werden, denn auch diese importieren wir teils aus der Ukraine und Russland. Und damit sind wir bei einem grundsätzlichen Problem: Wir halten zu viele Tiere – die den Menschen das Essen wegfuttern. Damit ein geschlachtetes Schwein uns 1 Kalorie liefert, muss es die Landwirt:in vorher mit 3 Kalorien pflanzlicher Nahrung mästen.[5]

Fast 60 Prozent der Landwirtschaftsfläche in Deutschland liefert nicht etwa Nahrung für uns, sondern Futter für die Tierproduktion.[6] Dazu kommen massenhaft Importe aus anderen Weltregionen, die alle in unsere Tierhaltung fließen – während sie vor Ort der Nahrungsproduktion Konkurrenz machen.[7] Die Gleichung heißt also: weniger Tiere = mehr Nahrungsmittelsicherheit.

Das gleiche gilt für Energiepflanzen wie zum Beispiel Raps für Bio-Sprit und Biogas-Anlagen: Auch sie nehmen der Nahrung den Platz zum Wachsen. Dabei ist erwiesen, dass sie dem Klima in vielen Fällen mehr schaden als nutzen.[8] Wir haben nicht zu wenig Ackerflächen in Deutschland und Europa – wir müssen sie anders bewirtschaften.

Und wenn es um Abhängigkeit geht, müssen wir auch über Kunstdünger sprechen: Unsere hochindustrialisierte Landwirtschaft hängt am russischen Düngemittel-Tropf.[9] Denn auch Deutschland importiert beträchtliche Mengen Kunstdünger von dort. Nur wenn wir uns von der intensiven Art des Ackerbaus verabschieden und auf natürliche Düngemittel und Fruchtfolgen setzen, können wir uns von dieser Abhängigkeit wirklich befreien.

Wenn wir krisenfester werden wollen, unsere Abhängigkeit von russischen Ressourcen reduzieren wollen, dann braucht es neben der gerade viel diskutierten Energiewende endlich auch eine echte Agrarwende. So müssen die vielen Subventions-Milliarden aus Brüssel endlich in eine nachhaltige Landwirtschaft fließen.

Sie werden gebraucht

So schwer das auch ist: Für den Moment bleibt uns nur, auf ein baldiges Ende des Krieges zu hoffen. In den vergangenen Tagen haben viele Hunderttausende allein in Berlin und Köln ihre Forderung nach Frieden auf die Straßen getragen. Weitere Demonstrationen werden folgen. Lassen Sie uns gemeinsam auch in den nächsten Wochen Putin zeigen, was wir von seiner Kriegstreiberei halten.

Und auch danach müssen wir uns weiter einmischen. foodwatch wird weiter dafür streiten, dass Essen nicht nur gesund und ehrlich ist, sondern unsere Landwirtschaft auch krisenfest und zukunftsfähig ist. Wann immer wir eine Chance für solche Veränderung sehen, zählen wir weiter auf Ihre Unterstützung.

Ihr

Dr. Chris Methmann

Geschäftsführer foodwatch Deutschland